Zur Entstehungsgeschichte des Projekts erklärte Bols 2024: „Unsere Ingenieure haben es vor etwa acht Jahren entwickelt. Wir haben dann nach einem geeigneten Standort gesucht, der sowohl Platz für die grüne Energieerzeugung als auch für eine Hafeninfrastruktur bietet. Wichtig war auch, die entsprechenden Genehmigungen zu erhalten und geeignete Partnerunternehmen zu finden. Es brauchte also eine gewisse Vorlaufzeit, aber das ist verständlich. Weltweit gab es noch nichts, das vergleichbar wäre oder woran man sich orientieren könnte."
Und gibt es schon Abnehmer für den Wasserstoff aus NEOM? Bols bestätigt: „Die gibt es! Wir unterscheiden dabei zwei Gruppen: Zum einen kleinere Kunden, insbesondere Akteure im Mobilitätssektor wie Betreiber von Linienbussen“. Neben den H2-Molekülen liefert Air Products auch eine eigene Tankstellentechnologie. „Darüber hinaus konzentrieren wir uns auf den Einsatz von Wasserstoff im Schwerlastverkehr, und auch der Betrieb von H2-Güter- oder Nahverkehrszügen ist interessant." Besonders wichtig seien jedoch die Großabnehmer. Im Juni 2024 hat Air Products einen Abnahmevertrag mit 15 Jahren Laufzeit mit TotalEnergies unterzeichnet, das für die Dekarbonisierung seiner Raffinerien in Nordeuropa ab 2030 rund 70.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr abnehmen will. „Solche Verträge bringen die Dinge ins Rollen", so Bols.
Andere Projekte in Wartestellung
Während das NEOM-Projekt voranschreitet, befinden sich andere Wasserstoffprojekte Saudi-Arabiens in Wartestellung. Nach einem Bericht der GTAI haben im Oktober 2024 die Pläne des Public Investment Fund (PIF), über die im Sommer 2024 ins Leben gerufene Energy Solution Company (ESC) mindestens 10 Milliarden US-Dollar in blaue und grüne Wasserstoffprojekte zu investieren, einen Rückschlag erlitten: Die ESC wurde wieder aufgelöst. Die Rolle als Motor des saudi-arabischen Wasserstoffsektors soll nun der in Riad ansässige Kraftwerksentwickler ACWA Power übernehmen.
Bei weiteren Großprojekten mit internationalen Partnern wie der französischen Engie, der japanischen Marubeni Corporation und einem südkoreanischen Konsortium sind seit der Unterzeichnung von Absichtserklärungen kaum Fortschritte zu verzeichnen. Das gilt auch für das wichtigste H2-Vorhaben der staatlichen Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco, die Erzeugung von blauem Wasserstoff als Teil des im Aufbau befindlichen Jafurah Gasfrackingprojekts. Bis 2030 wird hier eine Jahresproduktion von 11 Millionen Tonnen blauem Ammoniak angestrebt. Angesichts fehlender Abnahmeverträge kommt das Vorhaben jedoch bislang nicht voran.
Ammoniak als bevorzugtes Transportmedium
Sind jedoch Abnahmeverträge vorhanden, rückt eine weitere Frage in den Vordergrund: Wie soll der Wasserstoff transportiert werden? Die Entfernung zwischen Saudi-Arabien und den europäischen Abnehmermärkten beträgt mehrere tausend Kilometer. Die Antwort liegt in der Umwandlung in Wasserstoffderivate wie Ammoniak.
„Reiner Wasserstoff ist für den interkontinentalen Transport ungeeignet", erklärt Prof. Dr. Michael Sterner, Wasserstoff-Experte an der OTH Regensburg, im Interview mit H2-News.de. „Die geringe Dichte des Gases und die notwendige Kühlung auf minus 253 Grad Celsius machen den direkten Transport unwirtschaftlich." Ammoniak hingegen lässt sich bei minus 33 Grad Celsius verflüssigen und in speziellen Tankschiffen transportieren – eine Technologie, die bereits heute im großen Maßstab eingesetzt wird.
Im NEOM-Projekt soll der produzierte Wasserstoff daher direkt in einer angeschlossenen Ammoniak-Syntheseanlage des dänischen Konzerns Topsoe weiterverarbeitet werden. Das Ammoniak kann dann entweder direkt als Brennstoff eingesetzt oder am Zielort wieder in Wasserstoff umgewandelt werden.
Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE hat die Kosten für verschiedene Transportoptionen für grünen Wasserstoff systematisch untersucht. Die Ergebnisse sind eindeutig: Für lange Transportwege wie die zwischen Saudi-Arabien und Deutschland ist Ammoniak die wirtschaftlichste Option – zumindest, sofern kein Pipeline-Netz zur Verfügung steht.