stahl.: Was machen wir also mit den bestehenden Stahlwerken?
Hansmann: In Europa entscheiden sich die meisten großen Stahlwerke für die Kombination von Direktreduktion und Elektrolichtbogenofen. Wobei die Betreiber in der ersten Phase Erdgas für die Direktreduktion verwenden. Allerdings ist die Technologie so ausgelegt, dass zukünftig 100 Prozent Wasserstoff eingesetzt werden kann. Ein solches Leuchtturmprojekt bauen wir zurzeit für thyssenkrupp steel in Duisburg. Dieses folgt der Logik, dass es Unterschiede zwischen dem Schmelzen im Lichtbogenofen und dem Schmelzen im Elektroreduktionsofen gibt, je nachdem, was in das Direktreduktionsmodul eingebaut wird. Wir haben in Europa schon viele solcher Projekte gesehen. Nicht nur thyssenkrupp, auch Saarstahl, Salzgitter oder ArcelorMittal haben ähnliche Projekte angekündigt. Das Problem ist wie immer die Verfügbarkeit von grünem und wirtschaftlich attraktivem Wasserstoff.
stahl.: Wie schätzen Sie die zukünftige Verfügbarkeit von Wasserstoff ein?
Hansmann: Das ist schwer zu beurteilen. Es wird derzeit in das Verteilnetz für Wasserstoff investiert. Und wir werden sehen, wo wir im Jahr 2026 stehen, wenn die Anlage in Betrieb geht. Aber auch hier geht es nicht nur um die Verfügbarkeit, sondern auch um die Kosten. Wirtschaftlich attraktiver Wasserstoff wird außerhalb Europas produziert werden. Und das führt zu einem weiteren Punkt: Wie bringt man den Wasserstoff von dem Ort, an dem er produziert wird, zu dem Ort, an dem er gebraucht wird? Wir alle kennen die Diskussion über Ammoniak, Methanol, Ethanol. Es gibt also verschiedene Konzepte und wir als Technologieanbieter versuchen Wege zu finden, wie wir mit den verschiedenen Möglichkeiten umgehen und wie wir sie so gut wie möglich in unsere Prozesse einbringen können.
stahl.: Aber Ihr Credo ist: „Wir können uns auf unsere Kunden einstellen. Und egal ob Ammoniak, Wasserstoff oder etwas anderes: Wir können die richtige Lösung umsetzen.“
Hansmann: Es reicht nicht aus auf den Tag zu warten, an dem Wasserstoff frei verfügbar sein wird. Wir müssen Zwischenlösungen für die Dekarbonisierung finden. Deshalb arbeiten wir intensiv an Technologien, die es ermöglichen, beispielsweise einen Hochofen weiter zu betreiben, aber die CO2-Emissionen um 50 bis 70 Prozent zu senken. Es muss Zwischenschritte geben, um der Stahlindustrie und unseren Kunden die Chance zu geben, die Investitionen zu verdauen. Wir wollen die Möglichkeit schaffen, die CO2-Emissionen eines Hochofens drastisch zu senken. In Zukunft können wir auf einen zweiten Übergangsschritt hinarbeiten, der vielleicht kommen wird, wenn die Verfügbarkeit von Wasserstoff oder etwas anderem geregelt ist. Aber hier und jetzt können wir uns auch schon weiterentwickeln.