daily wire & Tube: Herr Voswinckel, welche Hauptfaktoren beeinflussen aktuell die Rohrindustrie?
Gunther Voswinckel: Gegenwärtig sehen wir erhebliche Einflüsse durch den russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 und den jüngsten Konflikt zwischen der Hamas und Israel. Zusätzlich spielen die Spannungen zwischen den USA und China sowie die politische Regulierung eine bedeutende Rolle in unserem Sektor.
Wie geht die Branche mit der Inflation um?
Die Inflation ist in der Tat ein globales Problem, das nicht nur unsere Branche betrifft. Die hohe Staatsverschuldung nach jüngsten Krisen löst Befürchtungen aus, ob Zentralbanken die Inflation effektiv steuern können. Diese Situation schafft ein unsicheres wirtschaftliches Umfeld. Unsere Branche, die stark kapitalintensiv und global ausgerichtet ist, reagiert auf solche Konjunkturschwankungen besonders sensibel.
Wie begegnet die Branche diesen geopolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen?
Wir legen vermehrt Wert auf geopolitische und logistische Risikoanalysen und Energiekosteneinschätzungen. Wir evaluieren alle Bezugsquellen kritisch, um internationale Handelseinflüsse zu minimieren, insbesondere unter dem Aspekt der Energiepreise. Die regionalen Unterschiede bei den Energiepreisen werden die aktuelle Landschaft der energieintensiven Stahl- und Rohrindustrie verändern.
Herr Voswinckel, lassen Sie uns über die grüne Transformation der Branche sprechen. Vor welchen Herausforderungen stehen die Rohrhersteller?
Die Transition zu nachhaltigeren Produktionsmethoden ist entscheidend, aber auch finanziell herausfordernd. Europa steht durch strenge Regulierungen und hohe Energiepreise besonders im Fokus und hat die Hauptlast dieser Kosten zu tragen. Die Auflagen für kohlenstoffintensive Industrien treiben die Produktionskosten in die Höhe. Das wirkt sich wiederum auf die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen auf der globalen Bühne aus.
Wie gehen die verschiedenen Weltregionen mit den unterschiedlichen Energiepreisen um, insbesondere in Bezug auf die Stahl- und Rohrindustrie?
Europa kämpft bspw. mit hohen Energiepreisen und CO2-Abgaben, während Regionen wie die USA, Indien, die Türkei und China von niedrigeren Kosten und zum Teil weniger strengen Umweltvorschriften profitieren. Europäische Initiativen wie Emissionshandelssystem ETS und Carbon Border Adjustment Mechanism CBAM zielen zwar darauf ab, Wettbewerbsbedingungen anzupassen, erhöhen aber auch die Produktionskosten, besonders für Exporte.
Und die USA?
Die USA haben den Inflation Reduction Act (IRA) eingeführt, der im Gegensatz zum europäischen Ansatz erhebliche Anreize für kohlenstoffarme Investitionen setzt. Der IRA hat einen Investitionsschub ausgelöst, während das europäische Abgabensystem zu Irritationen bei den Investoren und zu einer wirtschaftlichen Rezession geführt hat. Europa sieht sich daher einem Kostennachteil gegenüber, solange keine günstigeren Energiequellen existieren.
Wie beeinflussen die Energiepreise die Branche?
Die meisten Rohrhersteller konnten 2023 verbesserte Wirtschaftszahlen vermelden, doch hohe Energiekosten und die europäischen CO2-Abgaben belasten die europäischen Produzenten. Die Zuversicht, mit diesen zusätzlichen Kosten künftig auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können, schwindet bei einigen Herstellern und als Konsequenz daraus reduzieren sie sogar ihr Engagement in Europa.
Wie bewerten Sie die Innovationskraft der Branche?
Trotz der Herausforderungen gibt es reichlich Möglichkeiten für Wachstum und Innovation, insbesondere in neuen Märkten wie der Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung (CCUS). Neue Netze für Wasserstoffpipelines werden ab 2025 größere Mengen an legierten Rohren erfordern, ebenso wie die Elektromobilität und innovative Rohrlösungen für den Bau von Gebäuden. Viele Anbieter haben darauf bereits reagiert und ihr Produktportfolio um umweltfreundliche und digitale Lösungen erweitert. Wenn politische Maßnahmen gegen den Klimawandel jedoch nicht in ausgewogener Weise eingeführt werden, kann das die Abwanderung von Industrien mit hohem Energieverbrauch in Regionen mit niedrigeren Kosten zur Folge haben.
Wir sind gespannt, wie sich diese Entwicklungen auf der Tube 2024 in Düsseldorf darstellen werden.
Ich bin zuversichtlich hinsichtlich der Resilienz und Anpassungsfähigkeit unserer Industrie. Auf der Tube 2024 in Düsseldorf werden wir Wege diskutieren, um den langfristigen Erfolg unserer Rohrindustrie zu sichern.