Rein rechnerisch ist der 5. Mai 2026 der letzte Tag des Jahres, an dem Deutschlands Energiebedarf noch durch die heimische Energieproduktion gedeckt werden könnte. Ab diesem Zeitpunkt ist das Land vollständig auf Energieimporte angewiesen. Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) nimmt diesen symbolischen „Tag der Energieabhängigkeit" zum Anlass, auf die strukturellen Risiken der hohen Importquote hinzuweisen.
Nach endgültigen Zahlen der AG Energiebilanzen lag die Importabhängigkeit Deutschlands im Jahr 2024 bei 66,1 %. Für 2025 wird sie nach einer Frühschätzung auf 65,6 % beziffert. Der leichte Rückgang bedeutet jedoch keine strukturelle Verbesserung der Energieeffizienz und damit der Wettbewerbsfähigkeit, sondern ist vor allem konjunkturell bedingt.
„Eine sinkende Importabhängigkeit wäre dann ein positives Signal, wenn sie durch steigende Energieeffizienz und geringeren Energiebedarf zustande käme", sagt Christian Noll, geschäftsführender Vorstand der DENEFF. „Der aktuelle Rückgang der Importquote ist dagegen vor allem Ausdruck einer schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung."
Würde Deutschland die Effizienzziele des Energieeffizienzgesetzes erreichen, könnte sich der Tag der Energieabhängigkeit langfristig von Anfang Mai auf etwa Mitte August verschieben, was die globale Wettbewerbsfähigkeit deutlich stärken würde.
Deutschland im internationalen Vergleich
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland unterhalb des EU-Durchschnitts von 57 % Importabhängigkeit. Der „Tag der Energieabhängigkeit" fiele für die EU insgesamt erst auf den 5. Juni. Ein noch größerer struktureller Wettbewerbsnachteil besteht gegenüber China mit einer Importabhängigkeit von 24 % sowie gegenüber den USA, die sogar einen Energieexportüberschuss von 9 % verzeichnen – wobei ein großer Teil der US-Energieexporte aus fossilen Energieträgern besteht. Deutschland ist damit rund fünf Monate früher energieabhängig als China.
Energieeffizienz als wirtschafts- und sicherheitspolitische Strategie
Gerade vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen und volatiler Energiepreise bleibt eine hohe Importabhängigkeit ein erhebliches Risiko für Wirtschaft und Gesellschaft. Der Krieg gegen die Ukraine sowie Konflikte im Nahen Osten zeigen, wie stark sich internationale Krisen auf Energiepreise und Versorgungssicherheit auswirken können. Die DENEFF empfiehlt daher, Energieeffizienz konsequent als wirtschafts- und sicherheitspolitische Strategie zu stärken. Eine höhere Effizienz senkt den Energiebedarf strukturell und reduziert damit dauerhaft die Importabhängigkeit.
Politische Signale laufen in die falsche Richtung
Aktuelle politische Diskussionen über eine Abschwächung zentraler Effizienzregelungen, etwa im Energieeffizienzgesetz (EnEfG) oder im Gebäudeenergiegesetz (GEG), senden aus Sicht der DENEFF jedoch das falsche Signal.
„Wer Effizienzstandards aufweicht, verlängert letztlich Deutschlands strukturelle Energieabhängigkeit", so Noll. „Gerade in einer Phase geopolitischer Unsicherheit wäre es sinnvoll, die vorhandenen Effizienzpotenziale konsequent zu erschließen."
Importabhängigkeit könnte künftig weiter steigen
Der leichte Rückgang der Importquote dürfte zudem kein dauerhafter Trend sein. Mit dem fortschreitenden Rückgang der heimischen Energiegewinnung wird Deutschland künftig tendenziell noch stärker auf Energieimporte angewiesen sein, sofern der Energieverbrauch nicht deutlich sinkt.