Rund ein Drittel der industriellen CO₂-Emissionen gilt heute als technisch schwer vermeidbar. Besonders Branchen wie die Zement-, Chemie- oder Stahlindustrie stoßen selbst bei optimierten Prozessen noch große Mengen an Treibhausgasen aus. Um trotzdem Klimaziele erreichen zu können, geraten sogenannte Carbon-Management-Technologien wie CCU (Carbon Capture and Utilization) und CCS (Carbon Capture and Storage) zunehmend in den Fokus. Beide Verfahren setzen am gleichen Punkt an: dem Einfangen von CO₂ – unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihrem weiteren Umgang damit.
Beim CCU-Verfahren wird das abgeschiedene CO₂ als Rohstoff weiterverwendet – etwa für die Herstellung synthetischer Kraftstoffe, Chemikalien oder sogar Baustoffe. Der Vorteil: Das klimaschädliche Gas wird nicht direkt in die Atmosphäre entlassen, sondern einem weiteren Nutzen zugeführt.
CCS hingegen verfolgt einen anderen Ansatz: Hier wird das CO₂ nach der Abscheidung dauerhaft in geologischen Formationen unter der Erdoberfläche gespeichert – etwa in ehemaligen Erdgas- oder Ölfeldern. Beide Technologien werden derzeit als zentrale Bausteine einer klimaneutralen Industrie diskutiert, insbesondere dort, wo Emissionen aus prozessbedingten Gründen kaum vermieden werden können.
Die Lücke in der Bewertung: Warum eine einheitliche Ökobilanz fehlt
Um fundiert einschätzen zu können, ob und wie klimafreundlich CCU- und CCS-Technologien tatsächlich sind, ist eine sogenannte Ökobilanzierung erforderlich – also die Bewertung der Umweltwirkungen entlang des gesamten Lebenszyklus. Doch genau hier klaffte bislang eine Lücke. Denn die bisher gängigen internationalen Standards (wie die ISO 14040/14044) bieten keinen spezifischen Rahmen für die komplexen Anforderungen, die CCU- und CCS-Systeme mit sich bringen.
Viele Variablen – von der technischen Ausgestaltung über Energiequellen bis hin zur Transportstrecke oder Langzeitsicherheit der Speicher – machen eine einheitliche Bewertung schwierig. Der Mangel an klaren Richtlinien erschwert nicht nur die Vergleichbarkeit von Projekten, sondern auch die Entscheidungsfindung für Unternehmen und Behörden.
Neue Klarheit durch DIN SPEC 91508
Abhilfe schafft nun die neue DIN SPEC 91508 – ein speziell auf CCU- und CCS-Technologien zugeschnittener Bewertungsrahmen. Die Norm wurde im Rahmen eines gemeinsamen Projekts entwickelt und ergänzt die bestehenden ISO-Vorgaben um konkrete Anleitungen und Vorgaben. Sie legt unter anderem fest, wie funktionale Einheiten definiert, Systemgrenzen gezogen und Datenqualitäten bewertet werden müssen. Auch der Umgang mit Unsicherheiten und die Durchführung von Szenarien-Analysen sind geregelt.
Damit bietet die Norm erstmals einen konsistenten und nachvollziehbaren Standard für Ökobilanzen von CO₂-Abscheidungs- und Nutzungstechnologien. Das ermöglicht eine transparente und belastbare Bewertung verschiedenster Technologien – sowohl untereinander als auch im Vergleich zu konventionellen Verfahren.
Ein Schritt in Richtung Vertrauensbildung und Planungssicherheit
Die DIN SPEC 91508 richtet sich an ein breites Spektrum von Anwendern: von der Industrie über die Forschung bis hin zu politischen Entscheidungsträgern. Für Unternehmen schafft sie mehr Planungssicherheit bei Investitionen in klimafreundliche Technologien. Für Regulierungsbehörden bietet sie eine belastbare Grundlage zur Bewertung von Nachhaltigkeit. Und nicht zuletzt kann die neue Transparenz helfen, gesellschaftliches Vertrauen in CO₂-Technologien aufzubauen – ein wichtiger Faktor für ihre Akzeptanz.
Normierung als Türöffner für den industriellen Klimaschutz
Mit der DIN SPEC 91508 steht nun ein methodisch fundiertes Werkzeug zur Verfügung, das nicht nur die Vergleichbarkeit von CCU- und CCS-Technologien verbessert, sondern auch einen Beitrag zur Beschleunigung der industriellen Transformation leisten kann. Klar definierte Kriterien, nachvollziehbare Analysen und einheitliche Maßstäbe sind essenziell, um die Klimawende auf fundierte Weise voranzutreiben – und genau hier setzt diese neue Norm an.