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Stromnetzausbau in Deutschland: Erdkabel oder Freileitung?

Thema des Monats Juni 2009


Bild1: Leitungsmonteure bei der Wartung einer Höchstspannungsleitung Quelle: E.ON Energie


Der zuverlässige und bedarfsgerechte Transport von Strom ist zentraler Bestandteil der Energie-Versorgungssicherheit eines Landes. Die Bereitstellung der erforderlichen Netzkapazitäten ist in Deutschland die Aufgabe der Netzbetreiber, denen Experten gute Arbeit bescheinigen: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist das deutsche Stromnetz mit durchschnittlich 21 Minuten Ausfallzeit im Jahr das stabilste in Europa. Doch weil die zu transportierende Strommenge stetig ansteigt, stößt das Netz mancherorts schon heute an seine Grenzen.

Zeitweise müssen Windkraftanlagen sogar abgeschaltet werden, um die Überlastung einzelner Netzabschnitte zu verhindern. Durch den Zubau der Windkraft im Norden Deutschlands und den Neubau konventioneller Kraftwerke in Küstennähe muss in Deutschland künftig immer mehr Strom von Nord nach Süd transportiert werden. Mit fortschreitender Liberalisierung der Strommärkte in Europa müssen zudem die Kapazitäten für den grenzüberschreitenden Stromhandel erhöht werden. Diese Entwicklungen machen den Ausbau der deutschen Übertragungsnetze dringend erforderlich. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) schätzt, dass in den kommenden Jahren rund 850 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen (220 und 380 Kilovolt) gebaut werden müssen. Bei einer Stromkreislänge von insgesamt rund 36.000 Kilometern im Höchstspannungsbereich entspricht das einem Anteil von ca. 2,4 Prozent.

Umstritten ist jedoch, wie der Ausbau erfolgen soll. Technologisch stehen zwei Optionen zur Auswahl: die traditionellen Überlandleitungen mit den charakteristischen Strommasten und die moderneren, unterirdisch verlegten Erdkabel.

Elektrische Leitungen müssen, da sie selbst unter Spannung stehen, gegenüber ihrer Umgebung isoliert werden. Das Medium, das zur Isolation eingesetzt wird, ist ein erheblicher Kostenfaktor. Bei Freileitungen erfolgt die Isolation durch die Luft. Lediglich dort, wo die Leitungen am Mast befestigt sind, kommen mechanische Isolatoren aus Kunststoff, Glas oder Porzellan zum Einsatz.
Bei unterirdisch verlegten Stromleitungen dagegen muss die Spannung auf wenigen Zentimetern zwischen dem Leiter und dem geerdeten Außenmantel abgebaut werden. Dies erfolgt in der Regel durch vernetztes Polyethylen (VPE).

Im Mittel- und Niederspannungsbereich (20.000 – 380 Volt) ist Erdverkabelung heute bereits die Regel, nicht so jedoch im Höchstspannungsbereich: Nach Angaben des Verbands der europäischen Kabelfachverbände und –hersteller, Europacabel, sind im Höchstspannungsbereich europaweit weniger als 3000 Kilometer Kabel im Einsatz, was einem verschwindend geringen Prozentsatz entspricht.


Bild2: Ein Höchstspannungs-Erdkabel mit Kupferleiter und Isolation aus vernetztem Polyethylen Quelle: Europacable


Grundsätzlich können die vier deutschen regionalen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe selbst entscheiden, welche Technologie sie für den Leitungsausbau bevorzugen. Bisher haben sie sich überwiegend für Freileitungen entschieden, weil diese geringere Investitionskosten mit sich bringen: „Wir schätzen, dass eine Erdverkabelung je nach den lokalen Gegebenheiten vier- bis zehnmal teurer als Freilandleitungen wären“, so ein Sprecher des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dem die vier Übertragungsnetzbetreiber angehören. Doch in der Bevölkerung regt sich vielerorts Widerstand gegen neue Strommasten. An zahlreichen betroffenen Standorten haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die unter anderem eine Verschandelung der Landschaft und gesundheitliche Beeinträchtigungen befürchten und den Einsatz von Erdkabeln fordern. Durch die Proteste verlängern sich die Planungs- und Genehmigungsverfahren, die mit einer durchschnittlichen Dauer von acht bis zehn Jahren den Stromnetzausbau verzögern.

Eine Lösung könnte die Teilverkabelung von Höchstspannungstrassen sein, sagt Matthias Kirchner von Europacable Deutschland. Zwar bestreitet er nicht, dass Erdkabel teuer als Freileitung sind. „Berücksichtigt man aber neben Herstellungs- und Tiefbaukosten auch Faktoren wie Wartungskosten, Stromverluste und Ausfallkosten, ist die Verkabelung im Höchstspannungsbereich aufgrund der deutlich verringerten Störanfälligkeit nur noch zwei- bis fünfmal teurer“, so Kirchner.
Die Kosten für die Erdverkabelung variieren deswegen so stark, weil sie in hohem Maße von der Beschaffenheit des Untergrunds abhängen, in dem das Kabel verlegt werden soll. Die Kosten für den Tiefbau machen etwa 40-50 Prozent der Investitionskosten aus.

In die Kabelfrage hat sich jetzt auch die Bundesregierung eingeschaltet. Im Mai hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die Planungs- und Genehmigungsverfahren für insgesamt 24 vordringliche Leitungs-Bauvorhaben im Höchstspannungsbereich beschleunigen soll. Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass die Netzbetreiber auf vier Pilottrassen Erdverkabelung beantragen und die Mehrkosten auf die Strompreise umlegen können, so dass das Kostenargument für die Netzbetreiber entfällt. Damit sind die Voraussetzungen für den Einstieg in die Erdverkabelung auf der Höchstspannungsebene geschaffen.

Florian Wassenberg, M.A.
Politikwissenschaftler




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